Der Seidelbast oder Corona inspirativ

Christoph Janacs, Margarita Fuchs, Gerlinde Weinmüller,
Gudrun Seidenauer, Manfred Koch

Kurzgeschichten und Gedichte

broschürt, 82 Seiten | € 9,00

Juli 2020

ISBN 973-3-904068-20-8

Artikel: Königskinder in Zeiten wie diesen

KULTUR – VIRTUELL
20/04/20 DrehPunktKultur empfiehlt, auch mal wegzublenden von den Sondersendungen zur Corona-Lage. Warum nicht Salzburger Kultur online genießen? Zum Nach-Hören und -Schauen oder als Appetitmacher für dann, wenn die Kultur wieder läuft.
Heute legen wir Ihnen ans Herz: Die Erzählung Der Seidelbast von Christoph Janacs, zur Verfügung gestellt von der Edition Tandem
„Und mit jeder schlechten Nachricht rückte die Welt weiter weg, wurde kleiner und immer kleiner, und der Berg mit ihrer Alm geriet höher und höher, beängstigend hoch, bis er eine einsame Insel war in einem unendlichen, weit über den Horizont hinausreichenden Meer und sie die letzten, die einzigen Menschen, Überlebende eines globalen Schiffbruchs…“ Das alte Ehepaar ist nicht wirklich geflohen von der Pandemie, hat aber das Angebot von Freunden, eine Auszeit auf deren einsamer Almhütte zu verbringen, dankend angenommen.

Er: Seinen Namen erfahren wir nicht. „Mediävist mit Schwerpunkt Frauenmystik des Mittelalters, aber gerade bei Hildegard von Bingen war der Schritt von Glaube und Theologie zur Erforschung der Flora und des Gesteins nur ein kleiner und kam seinem Interesse für Gewächse sehr entgegen. Mag sein, daß er gerade deshalb das Angebot, auf die Alm zu ziehen, so schnell und ohne lange Diskussion mit Lucia angenommen hatte. Hier konnte er, so hatte er gehofft, seine Vorlieben ausleben: in der Hütte das mystische Mittelalter, auf der Alm die faszinierende Vielfalt der Botanik.

Sie heißt Lucia, und von ihr erfahren wir vor allem, dass er sie auch nach Jahrzehnten liebt. Als ihr Husten – wohl nicht Corona-verursacht – immer stärker wird, bricht er zu Fuß auf ins Tal, um Arznei zu holen. Greenhorns sollten freilich nicht in den Bergen herumlaufen. Er landet auf der falschen Alm. Durchs Fernglas entdeckt er Lucia, aber es ist eine zu weite Distanz zum Rufen: „Wie die zwei Königskinder aus dem Volkslied, die nicht zueinander kommen konnten. Nur daß Lucia nicht wußte, daß er sie betrachtete, so nah und doch so weit weg…“

Der Schriftsteller Christoph Janacs, geboren 1955 in Oberösterreich, lebt in Niederalm bei Salzburg. Für die Edition Tandem hat er in diesen Wochen eine aktuelle Corona-Erzählung geschrieben.

 

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