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 Historisch-Etymologisches Lexikon 

 der Salzburger Ortsnamen (HELSON)

 Band 1 - Stadt Salzburg und Flachgau

 

 Ingo Reiffenstein | Thomas Lindner

 

 gebunden, 216 Seiten | € 24,90

 

 Oktober 2015

 

 ISBN 978-3-902932-30-3

 

Leseprobe

Die 1975 gegründete und aus Fachwissenschaftlern und Behördenvertretern bestehende „Salzburger Ortsnamenkommission“ (SONK) hat sich von Anfang an auf die Erstellung einer möglichst umfassenden, auch mit historischen Belegen und mundartlichen Aussprachehinweisen versehenen Ortsnamenkartei konzentriert, vor allem als Basis für ein Salzburger Ortsnamenbuch, das als wissenschaftlich fundiertes Nachschlagewerk Franz Hörburgers gleichnamige Monographie ergänzen soll.
Die Anlage dieses nunmehr alphabetisch aufgebauten Historisch-Etymologischen Lexikons der Salzburger Ortsnamen (HELSON) ist an den politischen Bezirken (bzw. Gauen) orientiert. 2015 erschien der erste Band (Stadt Salzburg und Flachgau) unter der Schirmherrschaft der SONK im Rahmen der Sonderbände der Gesellschaft für Salzburger Landeskunde erscheinen. Verbucht werden sämtliche Siedlungsnamen, also Namen der Städte und Dörfer, der Weiler, Rotten und Stadtteile des amtlichen Ortsverzeichnisses. Unsystematisch aufgenommen sind Hofnamen (von alleinstehenden Gütern, hauptsächlich dann, wenn dafür historische Belege vorliegen), abgekommenes Namengut und interessante, sprach- und sachgeschichtlich aufschlussreiche Flurnamen; in Auswahl erfasst sind auch wichtige Berg- und Gewässernamen. 

REZENSIONEN

INGO REIFFENSTEIN/THOMAS LINDNER: Historisch-Etymologisches Lexikon der

Salzburger Ortsnamen (HELSON). Band 1 – Stadt Salzburg und Flachgau.

Salzburg/Wien: Edition Tandem.2015, XVIII, 193 Seiten

 

Das österreichische Bundesland Salzburg ist in fünf Gaue eingeteilt, die identisch

sind mit den politischen Bezirken, zu denen noch die Landeshauptstadt Salzburg

hinzukommt. Es handelt sich um den Flachgau (im Norden), Tennengau um Hallein,

Pinzgau, Pongau und Lungau (im Süden). Mit dem den Namen der Stadt Salzburg

und des Flachgaus (Politischer Bezirk Salzburg-Umgebung) gewidmeten Band 1

wird eine Reihe eröffnet, die in fünf Bänden die Örtlichkeitsnamen der Politischen

Bezirke des Landes Salzburg, betreut von der Salzburger Ortsnamenkommission,

erfasst haben wird. Das Verhältnis des neuen Salzburger Ortsnamenbuchs (HELSON)

zu dem unter der Sigle SONB bekannten Werk von FRANZ HÖRBURGER, das von INGO

REIFFENSTEIN und LEOPOLD ZILLER bearbeitet und 1982 im Druck erschien, wird

wie folgt beschrieben: Das HELSON soll das SONB durch ein alphabetisch angeordnetes

Lexikon ergänzen, „das die Namenüberlieferung soweit wie möglich und

soweit wie nötig – im Sinne einer Dokumentation der Veränderungen – verbucht und

sich um eine etymologische Erklärung der Namen bemüht“ ( S. VIII). Dazu werden

„im Prinzip“ alle Namen der Städte und Dörfer, der Weiler, Rotten und Stadtteile des

amtlichen Ortsverzeichnisses des Österreichischen Statistischen Zentralamts erfasst.

Unsystematisch aufgenommen sind Hofnamen (wenn historische Belege vorliegen)

sowie „wichtigere“ Berg- und Gewässernamen. Im Großen und Ganzen ist der 1.

Band des HELSON wie folgt gegliedert: Einleitung (S. VII-XVIII) mit forschungsund

sprachgeschichtlichen Vorbemerkungen. Insbesondere für die namenkundlich

interessierten Laien sind die Erklärungen zu Appellativ/Onym, zur Wortbildung,

Integration fremder (romanischer) Namen, Dialektgeschichte (Beschreibung der

günstigen Salzburger Quellenlage eingeschlossen), Phonologie und Morphologie der

Salzburger Ortsnamen nützlich; ihre Rezeption ist für das Verstehen der kurz gehaltenen

Namenartikel im Lexikon (S. 3-146), an welches sich ein nicht weniger nützliches

Verzeichnis der „wiederkehrenden ON-Grundwörter und -suffixe“ anschließt

(S. 147-149), unersetzlich. Im Vergleich fällt die geringe Zahl der Suffixe (nur das

Kollektivsuffix -ach und das multifunktionale -ing) auf. Auf die Bibliographie (mit

Quellenverzeichnis) folgen die Indizes (Gemeinde-Index, Hydronyme, Bergnamen,

morphologisch-namentypologischer Index. Unter „4.2. Deutsche Namen“ fehlt die

Kategorie „Simplizia“). Das Abkürzungs- und Symbolverzeichnis findet man am

Ende des Buchs, auf dessen hinterer Umschlagseite eine farbige Karte des Untersuchungsgebiets,

auf der vorderen Seite als Titelbild eine Seite aus dem Salzburger

Urbar von 1476 (gut lesbar) abgebildet ist. – Den Aufbau der Namenartikel im

Lexikon erläutern die Verfasser unter den kurzen Benutzungshinweisen (S. XVIII).

 

Sie strukturieren – in Analogie zum Ortsamenbuch des Landes Oberösterreich – die

Artikel mit den fettgedruckten kursiven Abkürzungen D (Dialektaussprache), U

(urkundliche Belege in Auswahl), E (etymologische Erklärung) und L (wichtigste

Literatur). Am Beispiel des Ortsnamens Roding (S. 106, linke Spalte) werden zum

Beispiel folgende Informationen übermittelt: Der Artikelkopf besteht aus dem Lemma

(RODING), hinter dem folgenden Kürzel D verbirgt sich die Einordnung des

Referenzobjekts als „Dorf“ und hinter „G St. Georgen“ die verwaltungsmäßige

Zuordnung des Dorfs zur Gemeinde Sankt Georgen bei Salzburg. Die Belegreihe

beginnt mit „vor 1163 (C um 1180) Eppo de Rotigen (KU Raitenghaslach 16) n.

Reg.“ und endet mit dem Beleg 1489 von Roding. Dank der fettgedruckten Jahreszahlen

vor den Belegen ist die Orientierung im Belegteil erleichtert. Die Erklärung

bietet als Etymon für Roding ahd. *rotag, mhd. rotig ‘rostig, rötlich, verfault

(sumpfig?)’ an und verwirft zu Recht eine Deutung mit dem Personennamen Rôt, da

der Stammvokal in der Mundart diphthongiert sein müsste. Roding ist kein primärer

-ing-Name des Typus ‘bei den Leuten des NN’; die Endung -ing hat sich vielmehr

aus der ursprünglichen auf -en ausgehenden mittelhochdeutschen Namenform

Rotigen (vgl. HELSON S. 149) entwickelt. Die Endung -en dürfte der Endung des

schwachen Dativs Singular entsprechen (mhd. *ze dem/der Rotegen). INGO REIFFENSTEIN

und THOMAS LINDNER betonen in der Einleitung, dass es Aufgabe der etymologischen

Namenkunde sei, „die einem Ortsnamen zugrundeliegende Form zur

Zeit seiner Bildung und damit die ursprüngliche Bedeutung zu erschließen“ (S. XII).

Im Fall des Beispiels Roding entsprechen sie diesem Anspruch aber nicht. Denn

weder wird auf den sekundären -ing-Namen hingewiesen, noch wird die zugrunde

liegende Form erklärt, noch wird die ursprüngliche Bedeutung erschlossen. Um zu

diesen Punkten etwas zu sagen, ist ein Blick über die Grenzen des Untersuchungsgebiets

hinaus hilfreich. Vergleichbar sind die Ortsnamen Roding (Kreis Cham, Bayern,

  1. 844 Rotachin, a. 896 Rotagin) und Roggden (Stadt Wertingen, Lkr. Dillingen

an der Donau, Bayern, a. 1239 in Rotigen), die beide das Adjektiv mhd. rotic enthalten

und sich auf eine durch Rotfärbung (?) des Bodens auffallende Stelle beziehen.

Damit bekäme auch die adjektivische Bedeutung ‘an der/dem Rötlichen’ als

Ellipse einen Sinn, weil ein Bezugswort (z.B. ahd. aha, mhd. ache ‘Fließgewässer’)

ausgespart wurde. Das HELSON weist demgegenüber in der Mehrzahl ausführlich

erklärende Namenartikel auf, zum Beispiel bei dem echten -ing-Namen Acharting,

dessen lautgeschichtliche Entwicklung vom ersten Beleg a. 1279 Odroertingen zur

heutigen Mundartform Achating ausführlich dargestellt wird und der als Ableitung

vom Personennamen Ôtrât erklärt wird. Zu bedauern ist, dass die Menge an sprachwissenschaftlichen

Informationen und Erkenntnissen, die in den Namenartikeln präsentiert

werden, nicht in eine wenigstens kurze siedlungsgeschichtliche Auswertung

einfließt. Vielleicht ist eine solche nach der Vollendung aller fünf HELSON-Bände

auch vorgesehen. Dem HELSON 1 fällt neben seiner Funktion, die österreichische

Ortsnamenlexikographie zu bereichern, eine weitere wichtige Rolle zu, nämlich in

der Diskussion um die romanische Kontinuität und ihren Anteil an der Entstehung

des Bairischen. Um die antike Civitas von Iuvavum (Salzburg) bildete sich nach einhelliger

Auffassung der Forschung ein Kontinuitätszentrum aus, das „den östlichen

 

Eckpfeiler eines romanischen Rückzuggebiets am Alpennordrand bildete“.1 Der Beweis

für das Zusammenleben von germanisch sprechenden Baiern und Romanen

wird im HELSON 1 (S. 135) in dem dem Ortsnamen Wals gewidmeten Artikel erbracht:

Es heißt in der Notitia Arnonis 788-790 (Kopie Mitte 12. Jh.) Uualahouuis

(mit dem althochdeutschen Genitiv Plural Uualaho und ahd. wîs/wîhs ‘Dorf’, was

ins Latein der Kanzlei übersetzt wurde als Vico Romanisco ‘Walchen-, Romanendorf’.

Das romanische Namenmaterial, das das HELSON 1 bietet, kann den drei

Kategorien 1. Gewässernamen (mehrheitlich vorromanisch), Berg-, Flurnamen, 2.

Siedlungsnamen, 3. Mischnamen zugeordnet werden. Für das Romanische, das die

Baiern im 6. Jahrhundert im Flachgau antrafen, stehen folgende Namen (in der rekonstruierten

vorbairischen Form), Gewässernamen: *Álbina (> Alm-), *Anaba (>

Anif-erbach), *Glana (> Glan), *Glanígula (> Gnigl-erbach), +Isonta (Oberlauf der

Salzach), +Ivarus (Unterlauf der Salzach), *Lavúsculo (> ON Fuschl), *Máduka/*

Mádika (> Mattig), *Ógeda (> Oichten), *Sala (> Saal-ach), Bergname:

*Cirvanco (> Zifanken); Almname: *alpigula (> Alpigl), Flurnamen: collis (> Gois,

+Gols), rossetto (> Rositten); Siedlungsnamen: +Camp-anava (a. 1635 Campanif,

jetzt Elsbethen), *Canális (> Gneis), cistula (> Zistel), fagora (> Fager), *gretica

(> Grödig), +Iuvavo (Salzburg), *leuga (> Loig), *lidōne (> Lidaun), Marciago (>

Morzg), *muntigulo (> Muntigl), plágina (> Plain); Mischnamen (althochdeutsche

Bildungen mit einem romanischen Personennamen als Erstglied): PN Iubino (>

Eugen-dorf), PN Flurin (> Flurns-bach), PN Urs (> Irss-berg, -dorf), Kasso (>

Kösten-dorf), Liver (> Liefer-ing). Einige der in der Liste der „vordeutschen

Namen“ aufgeführten Reliktnamen werden im jeweiligen Namenartikel als unsicher

beurteilt und hier nicht aufgeführt. Beim Ortsnamen Loig, Gem. Wals-Siezenheim,

  1. 1147 in Levge (S. 76) sollte man – nebst der dort gegebenen Herleitung (ohne Benennungsmotiv)

von „voreinzelsprachlich-alteurop. *leug-ā zu idg. *leug- ‘schwärzlich;

Sumpf’“ – auch berücksichtigen, dass in Loig eine große römische Villa ausgegraben

wurde. Der Name *Leuga könnte sich auf einen dort befindlichen, leuga genannten

Meilenstein bezogen haben oder romanisch *Leuga ist aus vorromanisch

(keltisch) *Leukā ‘die Weiße’ (mit Sonorisierung des inlautenden /-k-/ > /-g-/) hervorgegangen.

Zwar ist *Leukā in Loich (a. 1307 Levch) (Niederösterreich) und in

Leutschen (Kanton Schwyz) als Gewässername vorhanden; ein Gewässer ist aber als

Namengeber für Loig nicht (mehr?) erkennbar. Auch für den Ortsnamen Gmain in

Großgmain, a. 788-790, (C M. 12. Jh.) in…Mona, a. 931 (C) ad muonam, müsste die

Ad-hoc-Etymologie mit idg. *mōna ‘Berg’ (S. 44) in Frage gestellt werden. Ist mit

einem keltischen Substrat im Flachgau zu rechnen, dann müsste idg. *Mōnā bei korrekter

Lautentwicklung als roman. *Māna erscheinen. Es gibt aber zu denken, dass

die Dehnstufe der indogermanischen Wurzel *men- (*mōn-) ‘emporragen’ nur im

Altnordischen belegt ist (germ. *mōn-jan- ‘ragen’, *mōn-ja- ‘Dachfirst’). Der Plainberg

mit der Plainburg, auf den sich der Name Mona bezogen haben dürfte, hat einen

romanischen Namen, nämlich *Plagina (s.o.). Sollte *Mōna der germanische Name

für den Plainberg gewesen sein? Er dürfte der selben „Namenschicht“ angehören wie

1 W. HAUBRICHS: Die verlorene Romanität im deutschen Sprachraum. In: Romanische

Sprachgeschichte, 1. Teilband, Berlin/New York 2003, S.702).der Ortsname Glas,

dem vermutlich eine althochdeutsche Stellenbezeichnung *glāsi zugrunde liegt (S. 38).

Das HELSON Band 1 orientiert sich in der Makro- wie in der Mikrostruktur

(Aufbau der Namenartikel) deutlich an dem von PETER WIESINGER konzipierten

Ortsnamenbuch des Landes Oberösterreich. Das erleichtert erfreulicherweise die

konvergierende und vergleichende Ortsnamenforschung sowohl unter den österreichischen

Bundesländern Oberösterreich und Salzburg als auch mit den benachbarten

bayerischen Landkreisen. Für die folgenden HELSON-Bände wünscht sich der

Rezensent bei großem Respekt vor der in Band 1 praktizierten primär sprachwissenschaftlichen

Ausrichtung eine mit anderen historisch-etymologischen Ortsnamenbüchern

vergleichbare Berücksichtigung der Siedlungsgeschichte samt den Benennungsmotiven

und eine bessere kartographische Ausstattung.

 

REGENSBURG                                                                      ALBRECHT GREULE

 

Beiträge zur Namenforschung 53.3 (2018)

© Universitätsverlag WINTER Heidelberg

Seite 362 - 365