liebes.länglich

 

Gerlinde Weinmüller | Fotos: Florian Herzog

gebunden, 112 Seiten | € 16,50

 

2. März 2017

 

ISBN 978-3-902932-65-5

 

Leseprobe

 

Der Liebe entlang schreibt Gerlinde Weinmüller ihre
Gedichte und Prosaminiaturen. Sie lotet dabei Farben
und Facetten der Liebe aus und lässt deren
Möglichkeiten und Unmöglichkeiten erahnen.
Das eine Mal schreibt sie von Zärtlichtblicken und
Dunkelheiterkeit, ein anderes Mal spürt sie Trauerflor
und Heimsucht nach und lässt Wehmut und
Abschied zu Wort kommen. Immer jedoch leuchtet
die Leidenschaft hervor, allgegenwärtig und liebeslänglich.
Florian Herzog gewährt mit seinen Fotografien ungewöhnliche
Einblicke in die Realität. Seine Neuinterpretationen
der Wirklichkeit treten in einen
spannenden Dialog mit den poetischen Texten, und
so fordern Bilder und Worte dazu auf, den zweiten
Blick zu wagen und zwischen den Zeilen zu lesen.

 

 Rezensionen

 

Karl Müller:

„immer wieder dieses / schreiben / kernobst meines lebens“ oder über Liebeslust und Liebesleid. (Rezension zu Gerlinde Weinmüller: liebes.länglich. Gedichte und Prosaminiaturen. Fotos von Florian Herzog. Salzburg, Wien: EDITION TANDEM 2017).

Wissen Sie, was „tulros“ ist oder was „tulrosen“ sind? Nein – ja? Eine Inszenierung und fantasiereiche Montage des Fotografen Florian Herzog (*1978): stachelige Rose und prächtige Tulpe in einem und deswegen auch Fundstück und Produktionsanlass für das gleichnamige Gedicht in Gerlinde Weinmüllers neuer Textsammlung namens „liebes.länglich“. Nicht nur an die 90 Gedichte, besser sprachliche Miniaturen umfasst diese Sammlung, sondern auch eine Reihe von solch eigenständigen Foto-Kreationen – also die Sprache beim Wort nehmend und daraus meist verschmitzt neue optische Eindrücke schaffend: z. B. „Eischläger“, „Handschuheuter“, „Mondbrot“, „Nylonfänger“. Nur das künstlerische Verfahren verbindet den Fotokünstler mit der Sprachkünstlerin, aber nicht die oft ins Existentielle und manchmal ins schmerzlich Dunkle insbesondere von Liebes-Beziehungen reichenden Wortkreationen jener Miniaturen aus dem wortverspielten, aber das Wort oft beim Wort nehmenden Schatzkästchen der inzwischen zu einer renommierten Sprach- und Schriftstellerin herangewachsenen Gerlinde Weinmüller: „doch die tulpen fahren / dornen aus“, so heißt es denn auch in dem gleichnamigen Gebilde in dem neuesten Sammelbändchen der Autorin mit dem ambivalent beziehungsreichen Titel „lebens.länglich“: „und in den blüten meiner rosen / sammeln sich die tropfen / einer hingerichteten liebe“. Das mag man bloß als luftig-leichtes Sprach-Spiel nehmen, aber Weinmüllers konzentrierte, gemäßigt experimentierende Kreationen zielen auf mehr als dieses. Seit etwa ihrem vierzigsten Lebensjahr publiziert die Autorin kontinuierlich – mit Ausnahme eines umfangreicheren Romans (Eine Hand voll Mond 2010) haben es ihr Kürze, Verknappung, Verfremdung, also Wahrnehmungsstörung zwecks gezielter Aufmerksamkeitserregung angetan. Es ist, als ob die Salzburger Deutschprofessorin und studierte Theologin die vor exakt 100 Jahren als revolutionär erachteten ästhetischen Theorien der russischen Formalisten etwa eines Viktor Šklovskij verinnerlicht hätte, wonach die „dichterische Sprache“ darin bestünde, dass alltägliche Begriffe einem vielfältigen Verfahren des Verfremdens ausgesetzt werden mögen, um vorstrukturiertes, automatisiertes Wahrnehmen zu brechen und neu sehen zu lernen. Weinmüller hat sich seit etwa 2000 mit zwei Kurzprosasammlungen (z. B. „Die Entlarvung des Schmetterlings“ 2003, „Den Letzten küssen die Hunde“ 2012), aber insbesondere mit einigen Gedichtbänden (z. B. „Himmel voller Asphalt“ 2011, „Verfallen“ 2006, „stand.halten“ 2009, „fug und schatten“ 2014) bei all jenen einen Namen gemacht, die die überraschende Wendung, das feinziselierte und das spielerische Umgehen mit allen Dimensionen der Sprache, auch mit orthographischen Andeutungen, aber insbesondere mit zusammengesetzten Wörtern, mit gespannter und fortgesponnener Bildlichkeit und die sich daraus ergebende Lust an überraschenden Pointen schätzen und lieben: In „nachtbrühten“ etwa hat zuerst der Wind die Wolken steif geschlagen, so wie mit einem heiß gehenden Quirl Eidotter und Eiklar aufgerührt werden, dann sitzt konsequenterweise der Mond im Himmelsschnee und erscheint wie ein Dottersack, „zum Platzen voll“: „bald schon schlüpft ein / traum“ – „brüten“? „brühten“? Aber meist begnügt sich die Autorin nicht mit dieser bloß spielerischen Freude an den semantischen Potentialen der Wörter, an ihren nicht-kodifizierten oder ihren an andere Wörter grenzenden Bedeutungen und damit am bloß Überraschenden, sondern versteht es, mit solchen Wörtern und ihren Bedeutungshöfen assoziativ zu hantieren, die schließlich in etwas Substantielles münden: „verschlüsselt / wir schließen die fächer / wir binden die schlüssel / wir sperren die stunde / schließendlich / entschlüsseln wir uns“. Insbesondere von den in der deutschen Sprache äußerst zahlreich vorhandenen und der komponierenden Fantasie fast keine Grenzen setzenden Komposita (z. B. halbseiden, denkmuster, bastelstunde, maskenball, wetterfahne, bauchgefühl, torschlusspanik, blickfang) lässt sich Weinmüller anregen und horcht insofern der Sprache und deren herkömmlicherweise nicht manifestierten Möglichkeiten nach.

Zwei große Themenbereiche sind es hauptsächlich, die ihren jüngsten Sammelband „liebes.länglich“ prägen: die Thematisierung der schöpferischen Sprachkraft – „in meinem schneebesen / tanzt ein ei // vielleicht morgen schon / schlüpft ein wort“ oder „als kind hatte ich / seifenblasen im kopf // jetzt habe ich / brandblasen / auf meinen worten“  – und klarerweise die Thematisierung der verschiedenen Aspekte von Liebes-Beziehungen: Angst vor Trennung, Verlassenheit, Verlustschmerz, Sehnsucht und Glücksträume, Verweigerung, Abstandnehmen, Abschied, Enttäuschung, Endgültigkeit: liebes.länglich, also „trauerflor“, „heimsucht nach dir“ und „ich / bin / eine fahne / im wind der beziehungen“.  

Weinmüllers Gedichte/Prosaminiaturen sind sprachliche Pretiosen und homöopathische Leckerbissen für wort- und sprachaffine Menschen, die zwischen den Zeilen lesen und kosten wollen, die es sympathisch und auch herausfordernd finden, dass da eine Schrift-Stellerin ist, die es justament nicht unbedingt darauf angelegt hat, eindeutig, aber auch nicht präpotent hermetisch sein zu wollen, und die ihrem Lesepublikum Raum, Zeit und Muße lässt für sich selbst, seine Entdecker- und Nachdenklust. Da ist eine Wortkundige, eine Wortebetrachterin und -finderin nicht allein aus Spaß an der Hetz, sondern eine, die offenbar die Überzeugung pflegt, dass das mikroskopische Hinhorchen sensibler und hellhöriger macht für alle Zumutungen und Brutalitäten, die die allermeisten der Mutter Sprache antun. Dass Weinmüller mit dieser ihrer poetischen Verfahrensweise „Dinge“ benennen kann, die sich oft der herkömmlichen Benennung entziehen, macht ihre Dichtung wertvoll, bleibend und nachklingend.